Schloss Biesdorf
Ausstellungseröffnung
Overwrite! On behalf of things, species and voices that disappear. Mexiko-Stadt und Berlin in Resonanz
Ausstellung vom 12. Oktober 2026 bis zum 14. Februar 2027
Vernissage am Sonntag, 11. Oktober 2026, 18:00 Uhr
mit der Performance Lesen in Rotation von Victor del Oral
Kuratiert von Susanne Britz und Arturo Hernández Alcázar
Die Ausstellung Overwrite! im Obergeschoss des Schloss Biesdorf bringt neun zeitgenössische Künstler:innen aus Mexiko-Stadt und Berlin zusammen, um über die Prozesse des sozialen und ökologischen Wandels nachzudenken und nach Möglichkeiten für neue Formen des Denkens und Handelns zu suchen. Der Dialog wird erweitert durch ausgewählte Werke aus dem Museum Utopie und Alltag / Kunstarchiv Beeskow.
Das Überschreiben (to overwrite) ist eine ambivalente Praxis: Es kann Löschen, Aufheben oder auch Aufzwingen bedeuten. Es kann aber auch eine Form des Öffnens und Zuhörens sein, des Umschreibens von Gewesenem, um so Wege zum Neuen zu eröffnen. In diesem Sinne wirkt Überschreiben nicht nur auf die Vergangenheit, sondern greift auch in die Gegenwart ein und gestaltet die Zukunft. Es ist eine poetische, politische und materielle Praxis.
Die Ausstellung schlägt vor, über das Tentakelhafte, das Anomale, das Instabile nachzudenken. Über das, was sich nicht in die Kategorien des hegemonialen Wissens einfügen lässt, aber dennoch ein aktiver Teil der Sinnproduktion und des gemeinsamen Lebens ist. Die hier versammelten Werke probieren andere Sprachen aus: hybride Sprachen, Zeichen, die sich dem Logos entziehen, Formen der Einschreibung, die nicht nach der einzigen Wahrheit suchen, sondern nach der Öffnung zum Rätsel. Aus verschiedenen Medien und miteinander verflochtenen Diskursen heraus zeichnen die Künstler:innen Linien, die von Flucht bis hin zu situativen und porösen Lebensformen erzählen und Zeugnis ablegen von einer miteinander geteilten Erfahrung der Fragilität.
Mexiko-Stadt und Berlin teilen eine lange Geschichte des Austauschs, die von Momenten der Not und auch von Solidarität geprägt ist. Während des erzwungenen Exils deutscher Intellektueller unter dem Nazi-Regime wurde Mexiko zu einem Zufluchtsort für kritische Persönlichkeiten. Allerdings gelangten auch Ideen des Nationalsozialismus nach Mexiko, die bei konservativen Kreisen Anklang fanden und die Vorstellungswelt einer Rechten nährten, die mit den reaktionärsten Aspekten des Konservatismus verbunden war. Es entstand ein komplexer, vielschichtig kultureller Austausch, der bleibende Spuren in der künstlerischen, sozialen und politischen Landschaft beider Länder hinterließ. Die Ausstellung möchte diese Geschichte als Ausgangspunkt für einen neuen Dialog aufgreifen, der aus der Gegenwart heraus nach der Bedeutung des Überschreibens fragt.
Auch der Ausstellungsort selbst – Schloss Biesdorf, ehemaliges Wohnhaus der Familie Siemens – ist Teil dieser Geschichte der Spannungen. Siemens stellte eine der ersten Verbindungen zwischen Europa und Amerika mittels eines Unterseekabels her, das dank der damaligen Spitzentechnologie weit entfernte Gebiete einander näherbrachte. Diese technische Expansion hatte jedoch auch eine Schattenseite: die koloniale Logik, die den modernen Fortschritt stützt und auf der Ausbeutung von Ressourcen und der kulturellen Homogenisierung basiert. In diesem Zusammenhang bedeutet das Thema Überschreiben heute auch, die Grundlagen der technologisch-wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung in Frage zu stellen, die weiterhin Entwurzelung, Ungleichheit und Zerstörung hervorruft.
Das Überschreiben kann also auch ein Akt der Wiedergutmachung sein: nicht um das Verlorene wiederherzustellen, wie es war, sondern um es aus einer anderen Perspektive sichtbar zu machen. Aus einer Ethik der Fürsorge, aus einer Politik der Differenz heraus, als auch aus einer Poetik, die nicht verschließen, sondern öffnen will. Diese Ausstellung fungiert als Modell, um vielstimmig zu sprechen, um Wege zu erproben, über die festgelegten Grenzen hinaus verantwortungsbewusst zu handeln. Sie ist eine Einladung, die Grammatik der Gegenwart zu überschreiten und gemeinsam andere Formen der Verwurzelung, des Zuhörens und der Existenz zu imaginieren.